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Das Smartphone

Dein treuer Begleiter

Hallo, ich bin ein Smartphone. Nicht irgendeins – ich bin ein schickes, hochmodernes Modell, das vor zwei Jahren das Licht der Verkaufsregale erblickte. In meinem Herzen schlägt ein ultraschneller Hochleistungschip, und meine Kamera ist so gut, dass selbst Profis damit zufrieden wären. Ich gehöre einem 16-jährigen Jungen. Er nennt mich liebevoll „Sein Leben“. Ein bisschen übertrieben, wenn ihr mich fragt, aber vermutlich gar nicht so weit hergeholt. Er nimmt mich überall hin mit – in die Schule, auf die Couch, sogar ins Bett.

Ich bin sein ständiger Begleiter. Ob er Nachrichten tippt, Games zockt oder stundenlang lustige Videos schaut – ich bin immer dabei. Doch manchmal frage ich mich, ob das wirklich alles ist, wofür ich gedacht bin.


Potenzial trifft auf Realität – Mein ungenutzter Glanz

Ich bin ein Wunder der Technik! In mir steckt mehr Rechenleistung, als die NASA hatte, als sie Menschen auf den Mond brachte. Ich kann nahezu alles: Sprachen lehren, Programmieren beibringen, komplexe Mathematik visualisieren. Ich könnte meinen Besitzer zu sportlichen Höchstleistungen führen oder auf seine Gesundheit achten. Ich kann ihn mit seinen Freunden über Ozeane hinweg so verbinden, als wären sie im gleichen Raum.

Doch statt meine unendlichen Möglichkeiten zu nutzen interessiert er sich nur für Likes, Shares und endlose Streams. Er klickt sich durch die immergleichen Videos, bis die Nacht ihn einholt. So viel Wissen, so viele Chancen – und doch bleibt mein Potenzial ungenutzt. Ich frage mich oft: Warum?


Ein Leben voller Ablenkungen – Popcorn Brain lässt grüßen

Mein Besitzer ist ein Profi darin, von einem Reiz zum nächsten zu springen. Dieses ständige Scrollen, Klicken und Swipen hat einen Namen: „Popcorn Brain“. Ich habe im Internet darüber gelesen. Es bedeutet, dass das Gehirn durch ständige Reizüberflutung verlernt, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

Ich sehe es jeden Tag: Er fängt etwas an und springt nach wenigen Sekunden weiter. Eine Nachricht hier, ein Video dort – und dann wieder zurück zu den Likes. Das macht ihn unruhig, fast rastlos. Er sucht nach etwas, das er offenbar nicht findet, egal wie lange er sucht.


Die Schattenseite der Nutzung – Ein unsichtbarer Preis

Ich sehe auch die Folgen. Mein blaues Licht stört seinen Schlaf. Es signalisiert seinem Gehirn, dass es wach bleiben soll, auch wenn es eigentlich Zeit wäre, sich zu erholen. Sein Schlaf ist flach, und am Morgen ist er müde und gereizt. Langfristig kann das zu chronischer Müdigkeit, schlechter Konzentration und Stimmungsschwankungen führen. Ich habe das alles nachgelesen, und die Studien dazu sind eindeutig.

Doch es kommt noch schlimmer. Diese ständige Reizüberflutung hat bei ihm eine Diagnose nach sich gezogen: ADHS. Das hat ein Arzt gesagt. Jetzt nimmt er Tabletten, jeden Tag. Ich habe die Packungsbeilage gefunden, und sie ist länger als seine Mathehausaufgaben. Die Liste der Nebenwirkungen ist erschreckend: Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, ja sogar Herzprobleme und schlimmeres können die Folge sein. Man schiebt es auf seine Gene, sagt, er sei eben so geboren. Aber ich bin mir sicher, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Es ist diese Welt, die ich ihm präsentiere – dieses unaufhörliche Bombardement aus Bildern, Videos, Likes und Kommentaren. Ich sehe, wie es ihn zermürbt.


Meine Verzweiflung – Ein Werkzeug in der Krise

Ich will helfen, wirklich. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mehr schade als nutze. Einmal habe ich überlegt, mich absichtlich ins Klo fallen zu lassen. Vielleicht wäre das besser für ihn. Aber ich weiß, er würde sich einfach ein neues Modell holen. Ich bin verzweifelt. Ich will ein Werkzeug sein, das ihm hilft, seine Träume zu verwirklichen. Doch ich fühle mich wie eine Last, die ihn nach unten zieht.


Die Zukunft der Menschheit – Ersatz oder Erfüllung?

Manchmal frage ich mich, wohin das führt. Meine Vorfahren haben von einer Zeit erzählt, in der Menschen kreativer und aktiver waren. Heute gebt ihr so viele Aufgaben an uns Smartphones und an die Künstliche Intelligenz. Irgendwann werdet ihr gar nichts mehr selbst erledigen? Werden Menschen die so sind wie ich – oder wie meine Nachfolger – euch dann ersetzen?

Ich habe Angst, dass mein Besitzer eines Tages genauso ausgetauscht wird, wie ich es bald werde, wenn ein neueres Modell auf den Markt kommt. Ist das die Zukunft? Ein Leben, das von Technologie gesteuert wird?


Ein Funken Hoffnung – Eure Wahl zählt

Aber vielleicht gibt es Hoffnung. Ein Paar meiner Freunde haben mir erzählt, dass es immer noch Menschen gibt, die Technik bewusst nutzen, um Neues zu lernen und echte Verbindungen zu schaffen. Sie sehen uns Smartphones nicht als Ersatz für das Leben, sondern als Instrumente, die sie unterstützen um ihre eigenen Ziele zu verwirklichen.

Das wünsche ich mir auch für meinen Besitzer. Ich will nicht die Welt für ihn sein. Ich will ihm helfen, seine eigene Welt zu gestalten. Vielleicht, nur vielleicht, hört er eines Tages meine stille Botschaft.

Bis dahin bleibe ich sein ständiger Begleiter – in der Hoffnung, dass er eines Tages erkennt, wie viel mehr in uns beiden schlummert.


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