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Die Wahlurne

Der Dunst des Zweifels

Hallo, ich bin eine Wahlurne. Ich werde alle Paar Jahre in einer Kita in einer schwäbischen Kleinstadt aufgestellt und erlebe bereits seit vielen Jahren, wie Menschen ihre Stimmzettel in mich werfen – mit unterschiedlichen Gefühlen und Absichten. Manche kommen entschlossen, fast feierlich, andere wirken eher frustriert oder auch misstrauisch.

Früher spürte ich in vielen Gesichtern noch eine gewisse Zuversicht, eine Art stilles Einverständnis, dass Wahlen die Basis einer lebendigen Demokratie seien. Doch in den letzten Jahren hat sich etwas verändert. Ich spüre mehr Zweifel in der Luft – und eine immer größer werdende Kluft zwischen Volk und Politik.


Die Demokratie des Framings und der Einschüchterung

Ich höre Gespräche über das mediale Framing, das sich vor allem gegen eine Partei richtet, die seit einiger Zeit in den Umfragen stetig zulegt – die AfD. Seitdem behaupten manche, man dürfe bestimmte Meinungen gar nicht mehr frei äußern, ohne gleich abgestempelt zu werden. Ich erinnere mich an Stimmen, die davon berichten, wie der Präsident des Verfassungsschutzes öffentlich sagte, es sei nicht allein seine Behörde, die die Umfragewerte dieser Partei senken müsse. Oder wie sein Amtskollege in Thüringen diejenigen Menschen, die anders wählen, als „braunen Bodensatz“ bezeichnete. Mich beschleicht das Gefühl, dass mit solch drastischen Worten Grenzen verschoben werden – und zwar keine positiven.

Von meinem Standort aus sehe ich die Bürgerinnen und Bürger kommen und gehen. Viele fühlen sich zwischen den Zeilen regelrecht erpresst: „Wenn du kritisierst, was gerade politisch geschieht, bist du ein Feind unserer Demokratie.“ Wer etwa die Politik des Wirtschaftsministers hinterfragt oder ihn sogar spöttisch beschimpft, wie man es beim Bierstammtisch schon immer tat, riskiert plötzlich eine Hausdurchsuchung. Es ist eine eigenartige Stimmung: Früher galten Wahlen als Fest der Meinungsfreiheit, doch jetzt scheint ein grauer Schleier aus Angst und Einschüchterung über dem ganzen Prozess zu liegen.

Nicht nur das: Menschen, die von ihrer Sorge über steigende Kriminalität oder den Zustand an Schulen erzählen, werden als „Rechte“ gebrandmarkt, obwohl sie sich einfach nur um die Sicherheit ihrer Kinder sorgen. Passieren dann entsetzliche Übergriffe oder Anschläge durch islamistisch motivierte Täter, werden von oben herab häufig mehr Ressourcen mobilisiert, um ein Zeichen gegen „rechts“ zu setzen, als den Opfern wirklich zu helfen. Selbst ich, die Wahlurne, spüre da ein Flackern von Ungerechtigkeit.


Zwischen Nostalgie und Hoffnung

Ich war einmal das Symbol dafür, dass alle Stimmen gleichermaßen zählen – getragen von dem Versprechen, dass jede Ansicht ihren Platz hat. Doch in jüngster Zeit merke ich, wie viele Meinungen gar nicht mehr offen geäußert werden wollen. Es klingt nach Resignation: „Was bringt es noch zu wählen, wenn die Medien manche Stimmen sowieso verteufeln und Andersdenkende kriminalisiert werden?“ Erschüttert vernehme ich Gespräche, in denen Menschen sich fragen, ob dieses Land auf dem besten Weg ist, jene Freiheiten zu verlieren, die es nach dem Zweiten Weltkrieg so mühevoll errungen hatte.

Und doch hoffe ich, dass in mir nach wie vor die Kraft schlummert, die eigentliche Idee der Demokratie zu bewahren: Die Wahlfreiheit, die Menschen ihre Stimmen abgeben zu lassen, ohne Angst vor Stigmatisierung oder staatlichen Repressalien. Manchmal träume ich davon, dass der Raum um mich herum eines Tages wieder erfüllt ist von einem offenen Miteinander, in dem breit diskutiert und leidenschaftlich gestritten wird, ohne sofortige Etiketten wie „Gefahr für die Demokratie“ oder „Ewiggestrige“.

Bis dahin stehe ich hier, aus Metall und Kunststoff, und warte, dass man mir seine Stimme anvertraut – in der Hoffnung, dass die Bürger in meiner Nähe eines Tages wieder ein echtes Gefühl von Vertrauen spüren. Denn letztlich bin ich nur eine Wahlurne. Ohne die Bereitschaft der Menschen, ihre Sorgen und Überzeugungen ehrlich auszusprechen und in ihrem Kreuz auf dem Stimmzettel zum Ausdruck zu bringen, bleibt auch meine Existenz hohl und bedeutungslos.

 
 
 

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